Sorel


Sorel
Sorel
 
[sɔ'rɛl],
 
 1) Agnès, Geliebte Karls VII. von Frankreich, * Fromenteau (heute Saint-Martin-du-Mont, Département Côte-d'Or) um 1422, ✝ Anneville (Normandie) 9. 2. 1450; gewann seit 1444 als offizielle Mätresse (»maîtresse de titre«) erheblichen Einfluss auf den König, dem sie vier Töchter gebar; nach der ihr geschenkten Seigneurie von Beauté-sur-Marne auch Dame de Beauté [dam də bo'te] genannt.
 
 2) Albert, französischer Historiker, * Honfleur 13. 8. 1842, ✝ Paris 29. 6. 1906; ab 1872 Professor an der École libre des sciences politiques, ab 1894 Mitglied der Académie française; trat durch Untersuchungen zur Diplomatiegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts (u. a. zur Französischen Revolution) hervor.
 
Werk: L'Europe et la Révolution française, 8 Bände (1885-1904).
 
 3) Charles, Sieur de Souvigny [suvi'ɲi], französischer Schriftsteller, * Paris 1602, ✝ ebenda 7. 3. 1674; schrieb neben Gedichten, historische und philosophische Werken Romane, in denen sich realistische Darstellung mit satirisch-derben und abenteuerhaft-bizarren Elementen verbindet. Die breiteste Wirkung erzielte er mit dem pikaresken Sittenroman »La vraye histoire comique de Francion« (7 Bücher, 1623, 1626 auf 11, 1633 auf 12 Bücher erweitert; deutsch »Wahrhaftige und lustige Historie vom Leben des Francion«) sowie mit dem Roman »Le berger extravagant« (1627), einer Parodie der modischen Schäferdichtung.
 
 
F. E. Sutcliffe: Le réalisme de C. S. Problèmes humains du XVIIe siècle (Paris 1965);
 S. Thiessen: S. Rekonstruktion einer antiklassizist. Lit.-Theorie u. Studien zum »Anti-Roman« (1977);
 H. D. Béchade: Les romans comiques de C. S. (Genf 1981);
 G. Verdier: C. S. (Boston, Mass., 1984);
 R. Howells: Carnival to classicism. The comic novels of S. (Paris 1989).
 
 4) Georges, französischer Publizist und Sozialphilosoph, * Cherbourg 2. 11. 1847, ✝ Boulogne-sur-Seine (heute zu Boulogne-Billancourt) 30. 8. 1922. Sorel arbeitete zunächst als Ingenieur, ab 1892 lebte er als freier Schriftsteller und Philosoph. Er nahm aktiv an den sozialen Auseinandersetzungen und Diskussionen seiner Zeit teil. In Sorels Denken verbinden sich die ideologischen und philosophischen Hauptströmungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, namentlich die Gedanken von K. Marx, P. J. Proudhon, F. Nietzsche, V. Pareto und H. Bergson, sowie frühsozialistische, anarchosyndikalistische und sozialdarwinistische Vorstellungen. Sorel war zunächst Anhänger der marxistischen Arbeiterbewegung, wandte sich dann, da er nicht an einen gesetzmäßig evolutionären Fortschritt glauben mochte, sondern einen Verlauf des Geschichtsprozesses in Sprüngen annahm, der anarchosyndikalistischen Bewegung zu. Zunehmend beeinflusst von einem Denken, das in der vermeintlichen europäischen Dekadenz den Hauptfeind des Zeitalters sah, näherte er sich später autoritären und faschistischen Bewegungen. Sein bekanntestes Werk, »Réflexions sur la violence« (1908; deutsch »Über die Gewalt«), beeinflusste einerseits Lenin, andererseits gilt Sorel damit auch als Wegbereiter des europäischen Faschismus, für den er in seiner Verherrlichung gewalttätiger Eliten und in der Betonung von Leitmythen für die Führung von Menschen wichtige Stichworte lieferte. Sorels Vorstellungen wurden u. a. im Zuge der Studentenrevolte nach 1968 erneut diskutiert.
 
Weitere Werke: L'avenir socialiste des syndicats (1898); Essai sur l'église et l'état (1901); La ruine du monde antique (1902); Introduction à l'économie moderne (1903); La décomposition du marxisme (1908; deutsch Die Auflösung des Marxismus); Les illusions du progrès (1908); La révolution Dreyfusienne (1909); Matériaux d'une théorie du prolétariat (1919); De l'utilité du pragmatisme (1921).
 
 
H. Berding: Rationalismus u. Mythos. Geschichtsauffassung u. polit. Theorie bei G. S. (1969);
 M. Freund: G. S. (21972).

Universal-Lexikon. 2012.